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2│Kreuz am unteren Flakweg

Lage und Standort: Flur 26, Flurstück 90, Ausrichtung Nordost. Koordinaten: N 50° 03.835‘; E 8° 26.423‘
Ehemaliger Standort: Dieses Kreuz stand an der alten Mainzer Straße, an der Kreuzung Hattersheim-Marxheim-Weilbach, der heutigen Autobahn A 66 an der Raststätte Weilbach.
Form/Stilrichtung: Spätbarock? Durch verschiedene Restaurierungsarbeiten lässt sich die ursprüngliche Ausformung nicht mehr erkennen.
Material: Roter Mainsandstein, Bildhauerqualität

Das Postament ist einfach gehalten. Der Sockelaufsatz und das Kreuz weichen in Formgebung und Farbe vom Sockel ab. Augenscheinlich könnten Sockelaufsatz und Kreuz einer späteren Restaurierung entstammen. Dieser Sachverhalt müsste geklärt werden.
Das Kreuz trägt einen metallenen Korpus.
Der Erbauer der Autobahnraststätte Weilbach, der Marxheimer Autohändler und Landtagsabgeordnete (SPD) Heinrich Weiß, ließ das Kreuz ca. 1952 abbauen und in Absprache mit dem Landwirt Georg Schauer auf dessen Grundstück, dem heutigen Standort wieder aufstellen.

Am Gründonnerstag, dem 20.03.2008, wurde das Kreuz durch Unbekannte umgestürzt und schwer beschädigt.
Der Verein für Heimatgeschichte e. V. Marxheim initiierte eine Spendenaktion zur Restaurierung und Wiederaufstellung des Kreuzes. Diese Arbeiten wurden vom Steinmetzbetrieb Alexander Mohr GmbH aus Kelkheim ausgeführt, die Kosten betrugen DM 634,51.
Am 30.09.2008 konnte das Kreuz durch den damaligen Pastoralreferenten Hanspeter Labonte wieder eingesegnet werden.

Weitere Details, siehe Broschüre Sandsteinkreuze 2020 von Josef Noll.

Eigentümer: ist dem Verein für Heimatgeschichte Marxheim e.V. bekannt.

Zeitgeschehen in der Region:

Regierung: Kurfürst und Erzbischof von Mainz Emmerich Joseph Freiherr von Breidbach zu Bürresheim (*12. November 1707 in Koblenz; † 11. Juni 1774 in Mainz)

Es konnten für die Region keine besonderen Ereignisse in diesem Zeitraum festgestellt werden.

 

Inschrift:
Sockelaufsatz
HERR SEI UNS GNÄDIG
UND SEGNE UNSER LAND

Sockelspiegel
UNTERM NAMEN JESU SOLLEN SICH BIEGEN ALLE KNIE DERREN DIE IM HIMELL AUF ERDEN UND UNTER DER ERDEN SIND ANDREAS KAUS GEWESENER SCHULTHEIS MARXHEIM 1769

Text aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper.

Foto: Hans Colloseus

Die Menschen/Stifter:

Aus den Marxheimer Kirchenbüchern konnten folgende Informationen über Andreas Kaus ermittelt werden:

Geb. 24. Januar 1689, gest. 19. September 1766 (Alter 77 Jahre)
Schultheiß in den Jahren 1729 bis 1764 in Marxheim.

Gestiftet wurde dieses Kreuz im Jahre 1769, drei Jahre nach seinem Tod.

Zu seiner Familie gibt es folgende Hinweise:
Erste Ehefrau: Anna Elisabeth Schleidt, geb. 23 April 1696 in Eddersheim, gest. 24 September 1735 in Marxheim, Alter 39 Jahre.
Heirat: 14. Januar 1715
Das Ehepaar hatte zehn Kinder, ein Kind starb als Säugling, die anderen Kinder erreichten das übliche Erwachsenenalter. Anna Elisabeth verstarb kurz nach der Geburt des zehnten Kindes.

Zweite Ehefrau: Maria Sybilla Westenberger geb. 6. Januar 1719, gest. 1793, 74 Jahre
Heirat: 2. Februar 1743
Das Ehepaar hatte fünf Kinder, die alle das Erwachsenenalter erreichten.

Der älteste Sohn, Andreas Kaus geb. 30. Mai 1744, gest. 20. Dezember 1812, war ebenfalls von Beruf Schultheiß in Marxheim.

Das Kreuz stand ursprünglich an einer sehr exponierten Stelle, an der Mainzer Straße, der Verbindung von Frankfurt a. M. nach Mainz. Es handelt sich um einen Teil der Fernhandelsroute von Leipzig nach Paris und war eine der ersten befestigten Straßen im Heiligen Römischen Reich (außer Österreich). Sie wurde 1720 gebaut.

Dieser Aufstellungsort lässt darauf schließen, dass es sich bei Andreas Kaus um eine bedeutende Persönlichkeit handelte, der man eine besondere Ehre erweisen wollte.

 

Hochzeitsjubiläen als Stiftungsgrund? 

Der Fall Andreas Kaus bietet jedoch noch ein weiteres Detail, das zur Beantwortung der Frage herangezogen werden kann, zu welchem Anlass Flur- und Wegekreuze gestiftet und errichtet wurden. Dazu seien zunächst Auszüge aus den Marxheimern Kirchenbüchern herangezogen. 

Auszug Hochzeiten:

matrimonium in facies ecclesia contraxit Andreas Kaus, prator et vidus cum pudica virgine Sybilla Westenbergerin.

Andreas Kaus, Schultheiß und Witwer, schloss in Anwesenheit der Kirche den Bund der Ehe mit der keuschen Jungfrau Sybilla Westenbergerin.

Auszug Totenbuch:

rite provisus obiit venerandus vir et olim orator Andreas Kaus annoru et mensium posuit anniversarium pro se et uxere prima ad

 Der ehrwürdige Mann und ehemalige Redner/Schultheiß Andreas Kaus, für den gebührend gesorgt wurde, ist verstorben. Er hatte zum ersten Mal einen Jahrestag für sich und seine Frau festgelegt.

 

Der letzte Vermerk stellt eine Besonderheit heraus. Laut Dokument war Kaus der erste Marxheimer Bürger, der seinen Hochzeitstag gefeiert hat.

Eine Feier, die erst im 19 Jh. zur Tradition wurde. Leider ist dieses Thema kulturhistorisch wenig erforscht. Es ließe sich also daraus schließen, dass Kaus diesen Festtag und die damit verbundene Errichtung von Steinkreuzen in Marxheim eingeführt hat.

Dies wäre ein erster Erklärungsansatz, warum in der Nachfolgezeit weitere Kreuze entstanden sind.

Geburtstage wurden in dieser Zeit auch nicht gefeiert, üblich war die Feier des Namenstags.

Auch hier könnte Kaus eine neue Tradition begründet haben.

Das Errichtungsdatum 1769 legt den Schluss nahe, dass das Kreuz als Gedenken zu seinem achtzigsten Geburtstag aufgestellt wurde. Die Stifter könnten entweder seine Familie oder auch die Gemeinde gewesen sein. Allerdings sind auch andere Gründe und Stifter möglich.