Hans Colloseus 26.05.2026
Die Marxheimer Sandstein-Flur- und Wegekreuze
Besondere Denkmäler bäuerlicher Kultur und Volksfrömmigkeit
Steinerne Zeugen der Alltagskultur
Wer durch Marxheim spaziert, findet sie an vielen Wegen und Kreuzungen:
Kunstvoll gestaltete Flur- und Wegekreuze aus Sandstein. Sie wurden meist an besonders exponierten Stellen aufgestellt und sollten die Vorbeigehenden zu Gebet und Besinnung einladen. Diese Wegekreuze sind bemerkenswerte Kulturdenkmäler. Denn sie stammen nicht von den Herrschenden und Mächtigen jener Tage, sondern aus der Mitte der damaligen Gesellschaft und geben uns einen Einblick in deren Leben. Bis Anfang des 19.Jh. lebten neunzig Prozent der Bevölkerung auf dem Lande, von und mit der Landwirtschaft. Während es von dieser Mehrheit kaum schriftliche Zeugnisse gibt, ermöglicht vor allem die Sachkulturforschung eine Rekonstruktion der damaligen Lebenswelt. Die prominenten steinernen Denkmäler sind hier ein interessanter Ansatzpunkt. Der Marxheimer Heimatforscher Josef Noll hat den besonderen Wert dieser Kunstwerke bereits vor Jahren erkannt und sich für deren Rettung und Erhaltung mit großem Engagement eingesetzt (Link zu der Broschüre). Dieser Beitrag fußt in weiten Teilen auf Nolls Vorarbeiten, bietet jedoch erstmals einen systematischen Überblick über die Marxheimer Flur- und Wegekreuze sowie eine historische Einordnung anhand von Kirchenbüchern und anderen Archivalien. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, aus welchem Grund die Denkmäler errichtet wurden.
Denkmäler der Frömmigkeit
Die Tradition, Feldkreuze und Bildstöcke zu errichten, reicht weit zurück. So finden sich in alten Urkunden in der Gemarkung Marxheim Hinweise aus dem 14. Jh. („An den steinern Creutze“), den Jahren 1574 („Unter den Creutzen“) und 1709 („By dem heiligen Stock“), 1777 (Am Kreuzgarten.) Eine besondere Blüte hatten die Flur- und Wegekreuze in Marxheim jedoch im 18. Jh., in der Zeit des ausgehenden Barocks.[1] Sie sollen im Folgenden näher betrachtet werden.
Der ausdrucksstarke Stil des Barocks ist in diesen Kunstwerken deutlich spürbar. Dies dürfte auch der Nähe zur Stadt Mainz geschuldet sein, die eine bedeutende Stätte des Barocks war und zu deren Grundherrschaft Marxheim gehörte. Zentral ist in dieser Betrachtung jedoch
[1] Ausnahmen in diesem Beitrag bilden ein Kreuz aus dem 19. und eines aus dem 20. Jh.
Die Bedeutung der Inschriften und Sinnsprüche auf den Flur- und Wegekreuzen erscheint uns heute fremd, dürfte der damaligen Bevölkerung aber vertraut gewesen sein. Es handelt sich um Verse aus der Heiligen Schrift, die an die Frömmigkeit der Vorübergehenden appellieren. Die Texte drücken Dankbarkeit aus, mahnen aber auch zu Einkehr und Buße. Auf fast allen der hier betrachteten Kreuze findet sich in variierter Form ein bestimmter Vers aus dem Bibelkapitel Die Klagelieder, erstes Klagelied 1,12.
Ihr alle, die ihr des Weges zieht, / schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, / den man mir angetan, mit dem der Herr mich geschlagen hat / am Tag seines glühenden Zornes. Der
Da die Klagelieder unmittelbar nach dem Kapitel des Propheten Jesaja kommen, spricht man auch von Jesajas Klageliedern. In den Klageliedern, so die Interpretation des Bibelkommentars, wird die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 586 v. Chr. durch die Babylonier beklagt. Denkbar ist, dass hier noch die Erinnerungen an die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges präsent sind und die Menschen durch die Inschriften ermahnt werden sollen, Frieden zu halten.
Kreuze mit gleicher Inschrift finden sich auch noch weiter Richtung Eddersheim und weiter bis in die Pfalz. Es könnte sich also durchaus um eine (fromme) Mode gehandelt haben.
Auch auf dem Altar der Marxheimer Andachtskapelle in der Schulstraße ist diese Inschrift zu finden.
Zeugnisse von Ansehen und Wohlstand
Warum diese Kreuze in Marxheim aufgestellt wurden und wer sie gestiftet hat, lässt sich in den meisten Fällen nicht sagen. Im Gegensatz zu Votivtafeln, wo meist der Stifter und Stiftungsgrund angegeben werden, sind wir hier auf Vermutungen angewiesen. Bemerkenswert ist, dass es sich, anders als bei kleinen Votivtafeln, um große, aufwändige Denkmäler handelt. Die Kosten für solche Kunstwerke dürften, auch in dieser Zeit, nicht unerheblich gewesen sein, was auf wohlhabende Stifter schließen lässt. Auf einigen Kreuzen sind auch Jahreszahlen und Namen verzeichnet, die eine weitere Recherche mit archivalischen Quellen ermöglicht. Eines der Kreuze ist etwa dem Gedenken an den offensichtlich sehr populären Schultheiß Andreas Kaus gewidmet. Die anderen nennen die Namen von Marxheimer Bauernfamilien. Aus den alten Ortsgerichtsakten dieser Zeit lässt sich zweifelsfrei herauslesen, dass Marxheim ein wohlhabendes, gut organisiertes Dorf war. Es ist daher naheliegend, dass die Kreuze nicht nur Ausdruck von tiefer Frömmigkeit waren, sondern vor allem als Zeugnisse selbstbewusster, wohlhabender Bauern gelesen werden können.
Standorte der betrachteten Kreuze
Der Standort einzelner Kreuze hat sich im Laufe der Zeit verändert. Die alten Standorte sind in der nachfolgenden Karte aufgeführt. Hieraus lässt sich erkennen, dass sie an den Verbindungsstraßen zu den Nachbargemeinden standen.
Karte Herzogtum Nassau um 1819
Ursprünglicher Standort der Kreuze in der historischen Topografie
Neue Karte alte (rot) und neue (orange) Standorte
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