Kirchengeschichte zum Anfassen

Wenn Sichtbeton zu sprechen beginnt

Beim Begriff Kirchengeschichte denken viele zunächst an längst vergangene Zeiten. Dass auch die jüngere Geschichte der katholischen Kirche spannende Geschichten zu erzählen hat, zeigte der Verein für Heimatgeschichte Marxheim e.V. am 26. September 2026 bei einer Führung durch die St.-Bonifatius-Kirche und die dazugehörigen Gemeinderäume.

Unter der Federführung von Hans Günter Colloseus und Stefan Schmelz dem Vereinsvorsitzenden hatte sich der Verein intensiv mit der Geschichte der Gemeinde und der Kirche beschäftigt und dabei zahlreiche interessante Details zusammengetragen. Von der Gründung im Jahr 1964 über die zunächst „nomadische“ Gemeindearbeit in der benachbarten evangelischen Thomas-Kirche und in der Aula der Rosenberg-Schule bis zur Grundsteinlegung 1967 und der feierlichen Einweihung der Kirche im Jahr 1969 wurden die Daten präsentiert.

Rund 40 Interessierte fanden sich zur Führung auf dem Parkplatz vor dem Gemeindehaus ein. Von dort aus lässt sich nämlich besonders gut erkennen, wie Kirche, Gemeindehaus und weitere Gebäude als Ensemble angeordnet sind und wie sich die Anlage in ihre Umgebung einfügt. Die in einer Zeit von starkem Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichem Aufschwung gegründete Gemeinde war als eine Art Modellkirche für einen neuen Katholizismus im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils gedacht.

Dass die ungewöhnliche Architektur der Kirche bis heute Erklärungsbedarf bietet, machte Colloseus gleich zu Beginn deutlich. Die Ästhetik des Baus stoße bei vielen Besuchern zunächst auf Unverständnis. Dabei habe der Architekt Hans Schädel mit der Anlage genau jene Vorstellungen umgesetzt, die das Zweite Vatikanische Konzil von einem modernen Kirchenbau und einem lebendigen Gemeindeleben als Ziel gesetzt hat. Kirche sollte demnach nicht allein ein Ort für den Gottesdienst sein. Sie sollte Räume bieten, in denen Gemeinde entstehen und wachsen kann, in denen sich Menschen auf den Gottesdienst vorbereiten und anschließend noch zusammenbleiben können. Die räumliche Nähe von Kirchenraum und Gemeinderäumen war deshalb ausdrücklich gewünscht.

Beton als Ausdruck einer neuen Zeit

Im Inneren der Kirche wurde die spezielle Bauweise eingehend erläutert. Für den Architekten Hans Schädel war Stahlbeton ein Baustoff, der die Architektur des 20. Jahrhunderts entscheidend prägte. Schädel orientierte sich dabei unter anderem an der Architektur Le Corbusiers. Der Franzose hatte mit dem sogenannten „béton brut“, dem rohen und unverkleideten Beton, eine neue Formensprache entwickelt. Material und Form sollten eine Einheit bilden: Der Beton sollte nicht hinter Putz und Farbe verschwinden, sondern als das sichtbar bleiben, was er ist. In Deutschland wurde diese Architektur später unter dem Begriff „Brutalismus“ bekannt. Der Begriff führt allerdings leicht in die Irre. Das französische „brut“ bezeichnet in diesem Zusammenhang vielmehr das Rohe, Unverfälschte und Natürliche des Materials. Auch in St. Bonifatius ist der Sichtbeton das prägende Gestaltungselement. Wer die anfängliche Skepsis gegenüber den kahlen Betonflächen überwindet, entdeckt jedoch schnell, dass die Architektur keineswegs sprachlos ist.

Im Gegenteil: Nahezu jedes Detail erzählt eine Geschichte. Besonders eindrucksvoll wird dies beim Zusammenspiel von Beton und Licht: Die schlichten Wände dienen als Projektionsfläche für das durch die Buntglasfenster einfallende Sonnenlicht. Die Natur selbst wird dabei gewissermaßen zur Künstlerin. Schädel setzte dem modernen Betonbau zudem bewusst Elemente traditioneller Kirchenarchitektur entgegen: Der Boden besteht aus ungeschliffenem Schiefer, die Decke ist mit Holz verkleidet, und die Klinkerflächen an der Nord- und Südwand erinnern an die traditionellen Backsteinkirchen.

Zwischen Aufbruch und Tradition

Dass der moderne Kirchenbau nicht bei allen Gemeindemitgliedern auf Begeisterung stieß, gehört ebenfalls zur Geschichte von St. Bonifatius. Colloseus, der auch als ehemaliges Mitglied der Ortsausschusses ehrenamtlich in der Gemeinde tätig war, verwies auf die Kritik des damaligen Gemeindepfarrers Edmund Spiegel. In einem solchen Kirchenraum sei, so dessen Einwand, keine „richtige“ Andacht möglich. Um dieser als zu nüchtern empfundenen Atmosphäre etwas entgegenzusetzen, schaffte Spiegel eine zierliche barocke Madonnenskulptur an. Sie befindet sich bis heute an der Wand, links neben dem Altarraum.

Auch das 1997 angeschaffte Retabel, das an die Stelle eines Hochaltars in den sogenannten Lichtturm platziert wurde, setzt einen deutlichen traditionellen Akzent.

Eine Teilnehmerin der Führung, die die Entwicklung der Gemeinde selbst miterlebt hat, sah darin ein Zeichen für eine neue Rückwärtsgewandtheit. Auch das berüchtigte Hofheimer Mess-Festival von 1971, das als Skandal in die jüngere Kirchengeschichte einging, wurde angesprochen.

Kirchengeschichte(n)

Die Geschichte von St. Bonifatius erzählt nicht nur von Beton, Architektur und Liturgie, sondern auch vom Wandel des katholischen Gemeindelebens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: vom Aufbruch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, von neuen Formen des Gemeindelebens, aber auch von den Spannungen zwischen Tradition und Moderne. Dass die ursprüngliche Idee eines lebendigen Miteinanders bis heute fortwirkt, zeigte sich schließlich beim gemeinsamen Ausklang der Führung. Bei Kaffee und Kuchen im Gemeindesaal kamen die Teilnehmer miteinander ins Gespräch. Dabei ergänzten persönliche Erinnerungen der Gemeindemitglieder die zuvor gehörten historischen Fakten. So wurde die Kirchengeschichte an diesem Nachmittag tatsächlich greifbar: nicht nur in den Mauern aus Sichtbeton, sondern vor allem in den Geschichten der Menschen, die St. Bonifatius seit mehr als sechs Jahrzehnten geprägt haben.

Text und Bilder: VHG-Marxheim e.V.